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Rede zum Antrag von SPD, LINKE, Grüne und FDP „Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken“

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Rede zum Antrag von SPD, LINKE, Grüne und FDP „Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken“
In der Mischna, der ersten großen Niederschrift der mündlichen Thora, gibt es den Teil Pirke Avot, die Sprüche der Väter. Darin heißt es: „Such dir einen Lehrer und erhebe dich aus dem Zweifel.“

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

auf den ersten Blick reden wir heute über einen Antrag zur Stärkung der Rabbiner-Ausbildung in Brandenburg, also über einen vermeintlich kleinen Bereich unserer Wissenschaftspolitik. Aber eine Debatte über die Ausbildung von Rabbinerinnen und Rabbinern ist gerade in Deutschland immer mehr. Im Kern geht es um die Frage, wie jüdisches Leben nach den Schrecken der Shoa  wieder zu einem vitalen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden ist und weiter werden kann.

In der Mischna, der ersten großen Niederschrift der mündlichen Thora, gibt es den Teil Pirke Avot, die Sprüche der Väter. Darin heißt es: „Such dir einen Lehrer und erhebe dich aus dem Zweifel.“ Das verdeutlicht, dass Rabbiner nicht primär Priester sind, diejenigen also, die besondere religiöse Aufgaben zu erledigen haben. Im jüdischen Verständnis ist ein Rabbiner mehr ein Gelehrter, ein Ratgeber, ein Seelsorger. Daher sind die Anforderungen an solche Menschen nicht unerheblich. Noch vor der Vertreibung der Juden aus Palästina gab es die sogenannte Jeschiwa, eine Talmudschule, in der die Ausbildung stattfand. Die institutionelle Ausbildung von Rabbinern ist daher auch ein markantes Zeichen dafür, wie fest verankert das Judentum in einer Gesellschaft ist.

Seit der Emanzipation der Juden in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts gab es immer wieder Bestrebungen, das Gemeindeleben durch einen wissenschaftlichen Bereich zu ergänzen und die Ausbildung zu akademisieren. Einer der Vorreiter in Deutschland war dabei Abraham Geiger. Bereits 1836 schlug er vor, eine jüdisch-theologische Fakultät an einer Universität zu gründen. Als Rabbiner in Breslau war er maßgeblich an der Gründung des Jüdisch-Theologische Seminars beteiligt. Es war die erste Institution dieser Art in Deutschland und hatte die Aufgabe, Rabbiner auszubilden und das entsprechende Diplom zu vergeben. Es bot uneingeschränkte Freiheit der Forschung, allerdings auf Basis des traditionellen jüdischen Gesetzes. In kurzer Zeit wurde es, zunächst unter der Leitung von Zacharias Frankel, zur bedeutendsten Institution für die Ausbildung von Rabbinern in Europa.

Geiger selbst war 1872 Mitbegründer der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Wer heute in Berlin Mitte in die Tucholsykstr. geht, findet dort bei der Nr. 9 das ehemalige Hochschulhaus. Die Einrichtung sollte unabhängig von der religiösen Richtung die Wissenschaft des Judentums erhalten und verbreiten und wurde zu einer zentralen Ausbildungsstätte für Rabbiner. Von den vielen berühmten Absolventen und Lehrern werden ihnen sicherlich die Namen Leo Baeck und Regina Jonas, die erste deutsche Rabbinerin, bekannt sein.

Zu dem breiten wissenschaftlichen Leben des Judentums in unserer Region zählte auch noch das orthodoxe Rabbinerseminar in Berlin, das 1873 von Esriel Hildesheimer gegründet wurde.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts war das Judentum – auch in seinem akademischen Teil – ein wichtiger und fester Bestandteil unseres Landes. Die jüdischen Hochschul-Einrichtungen waren eine Bereicherung für die Wissenschaftslandschaft. Die jüdischen Gemeinden florierten auch aufgrund der gezielten, akademischen Ausbildung von Rabbinern. Bis in die 30er Jahre hinein. Das Seminar in Breslau wurde noch 1938 im Rahmen der Reichspogromnacht geschlossen, die Hochschule in Berlin bekam zunächst 1933 den diskriminierenden Namen Lehranstalt und wurde 1942 ganz geschlossen. Leo Baeck wurde mit den damals verbliebenen Studenten nach Theresienstadt deportiert, konnte aber überleben. Regina Jonas wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

es ist uns auch heute noch ein Verpflichtung, diese ehemals bedeutende Wissenschaft des Judentums und die akademische Ausbildung von Rabbinern wieder zum Leben zu erwecken und zu fördern. Für dieses Leben und für vitale Gemeinden braucht es auch Rabbinerinnen und Rabbiner. Dr. Graumann, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland hat auf einer Ordinationsfeier im November 2011 gesagt: „Es ist doch bekannt: Wir hungern nach rabbinischer Betreuung. Neue Rabbiner braucht das Judentum in Deutschland.“ Dieser Aufgabe haben wir uns zu stellen.

In Heidelberg gibt es seit 1979 die Hochschule für Jüdische Studien, in Berlin seit 2009 eine orthodoxe Jeschiwa. In Potsdam hat sich 1999 das Abraham-Geiger-Kolleg als An-Institut der Uni Potsdam gegründet. Es ist damit das erste Rabbinerseminar in Kontinentaleuropa nach der Shoa. Seit 2001 werden hier in Kooperation mit der Uni Rabbinerinnen und Rabbiner, seit 2008 auch Kantoren ausgebildet. Dank der Ausbildung an diesem Kolleg konnten am 14.9.2006 mit Daniel Alter, Tomáš Kučera und Malcolm Mattitiani die ersten Rabbiner in Deutschland seit 1942 ordiniert werden.

Das Kolleg leistet damit über 50 Jahre nach der Shoa etwas für die Verankerung des Judentums in unserer Gesellschaft, für das wir gar nicht dankbar genug sein können. Zu Recht wird das Abraham-Geiger-Kolleg daher von der KMK, dem Land Brandenburg, dem Zentralrat der Juden und der Leo Beack Foundation gefördert. Und zu Recht wurde es 2007 als Ort im Land der Ideen ausgezeichnet.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

völlig zu Recht kam im letzten Jahr erneut der Wunsch des Kollegs auf, sich stärker zu institutionalisieren als das bisher als An-Institut der Uni Potsdam der Fall ist. Damit einher ginge nicht nur eine andere Wertschätzung, es wäre auch ein weiterer Schritt hin zu einer akademischen Ausbildung, wie sie es mal in Deutschland gab. Das Ziel, die erste jüdisch-theologische Fakultät nach der Shoa in Deutschland hier bei uns in Brandenburg zu errichten, traf bei meiner Fraktion schnell auf volle Zustimmung.

Wir können uns dabei auf eine Empfehlung des Wissenschaftsrates zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften aus dem Jahr 2010 berufen. Darin wird nicht nur der Aufbau von Zentren islamischer Studien empfohlen, sondern auch eine Ausbau der jüdischen Studien.

Nun gab es im letzten Jahr auch etliche Irritationen auf Landesebene, was den Willen zu einer stärkeren Institutionalisierung des Abraham-Geiger-Kollegs angeht. Es gab konkurrierende Bewerbungen aus Bayern und Thüringen.

Ich will diesen Konflikt nicht bewerten, ich stelle nur fest: das starke landespolitische Signal, das Kolleg in Brandenburg zu halten und zu stärken war allen Beteiligten offenbar nicht präsent. Und zugegeben, das Werben aus Thüringen und Bayern war durchaus lautstark. Aber es kommt nicht darauf an, laut „hier“ zu schreien, sondern aktiv zu sein. Weder können sich die Ländern über die Wege zu einer Fakultätsgründung hinwegsetzen noch war man hier in Brandenburg untätig.

Allerdings treten bei der Gründung einer Fakultät oder einer ähnlichen Einrichtung durchaus schwierige Frage auf. Das beginnt bei der Berufung bekenntnisbezogener Professuren, geht über die Einbindung des Zentralrates der Juden und die Ausstattung einer solchen Einrichtung bis dahin, dass das Land eine solche Gründung gar nicht verordnen kann. Es ist an der Uni Potsdam und dem Kolleg, sich auf den Weg zu machen und zu verhandeln – mit der Rückendeckung des Landes natürlich.

Und hier ist der Unterschied zu ihnen, liebe Kollegen von der CDU. Mit der damaligen Wissenschaftsministerin Wanka war ich oft unterschiedlicher Meinung. Wir waren uns aber immer einig, die Autonomie der Hochschulen zu wahren. Daher steht es dem Landtag nur zu, die Uni Potsdam zu bitten – einer Erwartungshaltung wie in ihrem Antrag können wir nicht folgen.

Die gerade beschriebenen offenen Fragen sind nicht in wenigen Wochen zu klären und dennoch kann ich den Unmut einiger Beteiligter verstehen. Aus diesem Grund hoffe ich, dass das starke politische Signal, der Wille des Landes, das Kolleg hier zu halten und zu stärken, hier heute vom Landtag ausgeht. Ich danke ausdrücklich auch den beteiligten Fraktionen von FDP und Grüne und ich hoffe, dass der Antrag breite Zustimmung findet.

Der Weg zu einer jüdisch-theologischen Fakultät ist noch steinig, aber das Land ist bereits Schritte gegangen – und wir haben einen klaren Vorsprung zu den anderen Ländern. Lassen sie uns gemeinsam für diese Einrichtung kämpfen und heute ein klares Bekenntnis zur Rabbinerausbildung in Brandenburg geben. Ermöglichen wir es den jüdischen Gemeinden, dem Spruch der Väter aus dem Talmud zu folgen: „Such dir einen Lehrer.“ Diese Suche können wir heute ein Stück erleichtern.

Vielen Dank.