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Rede zur Aktuellen Stunden „Energieuniversität Lausitz: Die Chance für den Wissenschaftsstandort“

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Rede zur Aktuellen Stunden „Energieuniversität Lausitz: Die Chance für den Wissenschaftsstandort“
Im Ziel sind wir uns sicherlich alle einig. Wir wollen einen Innovationsschub für den Wissenschaftsstandort Lausitz, wir wollen eine langfristige Sicherung der Hochschulstandorte in Senftenberg und Cottbus, wir wollen die Wissenschaft der Region angesichts neuer Herausforderungen und veränderter Bedingungen stärken.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

lassen sie mich mit einer Erfahrung beginnen. Ich wandere gerne mehrere Tage am Stück durch die Berge, mit Zelt und Kocher – so richtig Outdoor. Wenn man da abends beim Zeltaufbau in einen heftigen Regen kommt, ist die Verlockung oft groß, das Zelt möglichst schnell irgendwie aufzubauen und dabei die Gründlichkeit etwas zu vernachlässigen. Wer aber die Nacht durch trocken und ruhigen Gewissens schlafen will, sollte lieber beim Aufbau etwas mehr Nässe in Kauf nehmen und sich Zeit lassen – das ist nachhaltiger.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

wenn wir in den nächsten Monaten eine Entscheidung über die Zukunft der Hochschullandschaft der Lausitz treffen, ist das eine Entscheidung für einen langen Zeitraum. Umso wichtiger ist es, dass diese Entscheidung im genannten Sinn nachhaltig ist – Gründlichkeit geht für die LINKE vor Schnelligkeit.

Im Ziel sind wir uns sicherlich alle einig. Wir wollen einen Innovationsschub für den Wissenschaftsstandort Lausitz, wir wollen eine langfristige Sicherung der Hochschulstandorte in Senftenberg und Cottbus, wir wollen die Wissenschaft der Region angesichts neuer Herausforderungen und veränderter Bedingungen stärken.

Aus diesen Gründen war es völlig richtig, dass die ehemalige Wissenschaftsministerin Frau Münch die Lausitz-Kommission eingesetzt hat. Sich für die notwendigen Veränderungen fachkundigen Beistand zu holen war genau der Weg, den sich offenbar Frau Wanka nie getraut hat. Aber diesen Mut muss man haben, wenn es um die Zukunft unserer Wissenschaftslandschaft geht.

Der Handlungsbedarf ist hier durchaus enorm. Vor uns steht die demografische Entwicklung mit den Auswirkungen auf die Studiennachfrage einerseits und den Anforderungen an den Fachkräftebedarf andererseits. Bezogen auf die Lausitz steht die Profilierung der Hochschulen in der Region gegenüber Berlin und Dresden vor uns. Und vor uns stehen immer noch die Auswirkungen der Bologna-Reform.

Gerade eine Diskussion um den letzten Punkt bietet sich für die Lausitz an. Jahrzehntelang gab es in Deutschland zwei Hochschultypen – die Universität und die Fachhochschule. Diese beiden Typen hatten unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Strukturen, eine unterschiedliche Herangehensweise an die akademische Ausbildung. Wir müssen aber in den letzten Jahren feststellen, dass sich diese Unterschiede immer stärker minimieren Die Fachhochschulen in Brandenburg zählen z.B. zu den forschungsstärksten in ganz Deutschland, obwohl das eigentlich nicht ihre Aufgaben ist. Durch Bachelor und Master sind die Übergänge zwischen den Hochschultypen fließender geworden, sogar Promotionen sind aus der FH heraus heute möglich. Und mit der Schaffung von Forschungs- bzw. Lehrprofessuren gleichen sich auch die personellen Unterschiede etwas an.

Vor diesem Hintergrund ist es also in der Tat überlegenswert, wie man unter dem Vorzeichen von Bologna mit zwei regional beieinander liegenden Hochschulen unterschiedlichen Typs umgeht. Der Wissenschaftsrat schlägt in seinen Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem vom Juli 2010 z.B. Kooperationsplattformen und gemeinsame Graduiertenschulen zwischen Universitäten und Fachhochschulen vor und ruft zu mehr Kooperation bei Lehre und Studium zwischen den Hochschultypen auf. Die Debatte um die Hochschulregion Lausitz ist also durchaus auch eine sehr aktuelle wissenschaftspolitische Debatte.

Daher ist meine Fraktion für den Bericht der Lausitz-Kommission auch wirklich dankbar. Er zeigt nicht nur die Stärken und Schwächen der beiden Hochschulen, er zeigt auch Lösungsansätze. Der Bericht ist ein wertvolles Material, deren Einschätzungen sicher an manchen Stellen hinterfragt werden können, der aber insgesamt sehr solide ist.

Ich will ganz bewusst Stärken beider Hochschulen benennen, da in den Medien ja die Formel „BTU Flopp, FH Lausitz Topp“ verbreitet wurde, die so sicher falsch ist. Mit dem Bereich Bauingenieurwesen und Architektur hat die BTU ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal, die historische Bauforschung ist ein Leuchtturm der Universität und auch die Bereiche Kraftwerks- und Werkstofftechnik sind Beispiele für herausragende Lehrstühle. An der FH Lausitz ist die regionale Einbindung generell sehr lobenswert, die Biotechnologie ist sogar auf Universitäts-Niveau.

Die Kommission unter Herrn Emmermann kommt zu dem Schluss, dass die Zusammenarbeit der beiden Hochschulen deutlich verbessert werden muss. BTU und FH Lausitz sollen ihre Profile wahren und stärken, Dopplungen bei den Studiengängen sollen künftig vermieden, Forschungspotenziale gebündelt und Synergieeffekte besser genutzt werden. Dass es dafür eine Aufforderung einer Kommission bedarf ist zugegeben etwas ärgerlich – diese Kritik müssen sich die beiden Einrichtungen gefallen lassen. Aber wenn die Kommission vorschlägt, beide Hochschulen zu erhalten und nur in einigen Bereichen gemeinsame Institutionen zu schaffen, dann hat das einen Grund. Herr Emmermann hat im Wissenschaftsausschuss auch dargelegt, dass die Widerstände und Probleme bei einer Fusion ungleich höher sind.

Warum Ministerin Kunst dennoch die einsame Entscheidung getroffen hat, beide Hochschulen auflösen und eine neue Universität gründen zu wollen, leuchtet noch nicht richtig ein.

DIE LINKE hat angesichts dieser Situation vor allem zwei Fragen: Erstens ist eine gemeinsame Universität der geeignete Weg? Und zweitens kann das in der avisierten Zeit erreicht werden? Ich will klar sagen: beide Fragen können wir mit unserem gegenwärtigen Informationsstand leider noch nicht klar beantworten.

Zur ersten Frage drängen sich viele Probleme auf. Wie wird die künftige Struktur FH-typische und Uni-typische Eigenheiten aufnehmen? Wie soll die Ausbildung von hochschultypischen Studiengängen beim Übergang und in Zukunft gesichert werden? Wie wird sich künftig der Zugang zu der einen Universität gestalten? Eine Menge Fragen ranken sich um den Bereich Personal – von der Übernahme-Garantie aller Beschäftigten über die Bewertung unterschiedlicher Professoren-Typen und deren Eigenarten bis hin zum unterschiedlichen Ausstattungsgrad an wissenschaftlichen Mitarbeitern. Unklar ist für uns, warum eine Universität in der Lausitz den Schwerpunkt Energie erhalten soll, wenn doch auch andere Bereiche ausgebaut und weitergeführt werden sollen. Unbeantwortet ist die Frage, warum man auf international eingeführte Bezeichnungen verzichten soll. Und ebenfalls offen sind die finanziellen Auswirkungen in kurz-, mittel- und langfristiger Perspektive. Eine Fusion darf wenn, dann nicht zu einem Sparmodell werden.

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

Angesichts all dieser offenen Fragen ist aus Sicht der LINKEN eine gründliche Debatte und keine überhastete Planung notwendig. Das gilt nicht nur für die politische Diskussion hier im Landtag, das gilt umso mehr für den Dialog vor Ort. Das beantwortet dann auch zunächst die zweite grundsätzliche Frage meiner Fraktion, die nach dem Zeitplan.

Zu Beginn dieses Prozesses gab es aus unserer Sicht ernste Versäumnisse in Bezug auf die Beteiligung der Betroffenen. Die Angehörigen der Hochschulen, die Vertreter der Region – sie müssen künftig intensiver eingebunden, informiert, befragt werden. Das Experiment kann nur gelingen, wenn es im gemeinsamen Dialog entsteht – mit dem Überstülpen einer neuen Struktur werden die alten Probleme kaum gelöst. Wir halten intensive Debatten in den nächsten Wochen mit denen für nötig, die die Wissenschaftslandschaft Lausitz künftig ausfüllen und engagiert gestalten müssen.

In Abwägung dieser Gespräche und in der Beantwortung unserer Fragen liegt dann erst die Entscheidung zum künftigen Weg in der Hochschullandschaft Lausitz. DIE LINKE ist mit Freude bei neuen innovativen Ideen für unsere Wissenschaftsregion dabei – wenn sie sich denn als solche herausstellen. Das gilt es in der nächsten Zeit gründlich zu prüfen.

Vielen Dank.