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Quelle: Bundesarchiv

Diese Kirche braucht kein Mensch

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Am kommenden Sonntag wird der Fernsehgottesdienst des ZDF live aus Potsdam übertragen. Das pikante an dieser eher trivialen Information: Der Gottesdienst findet im IHK-Gebäude an der Breiten Straße mit Blick auf den ehemaligen Standort der Garnisonkirche statt. Damit rückt ein weiteres Mal der Plan des Wiederaufbaus in den öffentlichen Fokus, zumal die Gegendemonstration untersagt wurde.

Worum geht es eigentlich in dem Konflikt? Seit Anfang der 90er Jahren wird der Wiederaufbau der geschichtsträchtigen Kirche in Potsdam vorangetrieben, seit 2008 in Form einer Stiftung mit vielen prominenten Unterstützer*innen. Perfide an diesem symbolischen Vorhaben sind gleich mehrere Dinge:

  • Die Garnisonkirche ist ein Markenzeichen des Preußentums in Potsdam. Schon 1753 errichtet wurde sie ein Wahrzeichen des preußischen und militärischen Ortes. Verstärkt wurde diese Symbolwirkung noch durch eine Glockenspiel, welches ab 1797 zu der Melodie aus der Zauberflöte einen Auszug aus einem Gedicht von Ludwig Heintich Hölty vorspielte: „Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Fingerbreit von Gottes Wegen ab.“ Damit versinnbildlicht diese Kirche die so genannten preußischen Tugenden, die vor allem für Hierarchie, Unterordnung, Gehorsam und Härte stehen. Schon allein dieser Verweis lässt einen an dem Ansinnen des Wiederaufbaus zweifeln.
  • Ein zweiter Punkt dreht sich um die gesamte innerstädtische Planung Potsdams seit der Wende. Neben dem Wiederaufbau des Stadtschlosses (in dem der Landtag und der Landesrechnungshof sitzt) reiht sich der Wiederaufbau der Garnisonkirche ein in den Wunsch, Potsdams Mitte zu einer Art Museum zu verwandeln. Störendes muss weg (siehe den Abrissbemühungen zum FH-Gebäude oder dem Mercure-Hotel) und als „schön“ gilt nur, was zu Preußens Zeiten gebaut wurde. Das stößt nicht nur moderne Architektur vor den Kopf, dieses Ziel erhebt sich in seiner Gesichtsvergessenheit zu einem Scharfrichter über „gewollte“ und „ungewollte“ Stadtbebauung.
  • Hand in Hand mit den preußen-huldigenden Wiederaufbauern gehen geifernde „DDR-Aufklärer“. Ob die Sprengung der Rest-Kirche 1968 tatsächlich nötig gewesen wäre oder ob sie nicht ähnlich der Frauenkirche in Dresden als Anti-Kriegs-Symbol hätte bestehen können, sei dahin gestellt. Aber der Kampf um den Wiederaufbau der Garnisonkirche wird so zum Kampf gegen SED-Unrecht. Da ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass Preußen-Liebe und Kommunisten-Hass häufig Hand in Hand gehen.
  • Der gewichtigste Grund gegen den Wiederaufbau aber ist die Geschichte des Ortes. der 21. März 1933 ist als „Tag von Potsdam“ wie ein Mal eingebrannt in die Geschichte der Stadt. Die Verbrüderung der Nazis unter Hitler mit den ehemaligen Eliten des Kaiserreiches unter dem Segen der Kirche war einer der ersten großen Symbole des jungen Nazi-Reiches und sollte nach innen und außen des staatstragenden Charakter der neuen Herrscher deutlich machen. Selbst mit einer geplanten Gedenkstätten kann dieser Ort kein Ort der Versöhnung werden.

Noch scheitert das Vorhaben Wiederaufbau glücklicherweise an den nötigen finanziellen Mitteln. Eine Finanzspritze des Bundes wird noch zurückgehalten, ein Darlehen der evangelischen Kirche dürfte zusammen mit den bisherigen Spenden nicht ausreichen. Gerade darum ist die „Werbung“ des ZDF mit der Sendung am Sonntag so brisant und gerade darum muss auch der Protest möglich sein. Es braucht offenbar noch eine umfangreiche Debatte, um über die Unsinnigkeit dieses Projektes aufzuklären.

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