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Bild von Lucas Cranach dem Älteren (1533)

DIE LINKE und die Reformation

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In der vergangenen Woche (am 20.10.) tagte der Stadtrat von Magdeburg und sollte u.a. über einen Antrag der Stadtverwaltung entscheiden, nach dem sich die Stadt mit 300.000 Euro an dem Projekt „Kirchtag auf dem Weg“ beteiligen soll. Dazu gab es laut Presse eine heftige Debatte, in der vor allem Linke das Jubiläum und die finanzielle Beteiligung der Stadt daran kritisierten. Daher sei angesichts des nahenden Jubiläums am 31.10.2016 die Frage gestellt, wie sich DIE LINKE zur Reformation stellen sollten.

Natürlich ist die Reformation zunächst ein religiöses Ereignis. Sie leitete eine grundlegende Reform der damals bestehenden Kirchenwelt ein und behandelt daher natürlich religiöse Themen, religiöse Zusammenhänge. Wie das Verhältnis von der LINKEN zur Religion allgemein verstanden werden soll, soll nach der Überweisung entsprechender Anträge auf dem letzten Bundesparteitag in Magdeburg nun von einer Kommission des Parteivorstandes geklärt werden. Daher konkret zur Reformation selbst.

 

Vorausgegangen sind der Reformation mehrere Ereignisse, die in einem heutigen linken Verständnis zu begrüßen sind. Zum einen fußen viele Vordenker der damaligen Zeit auf dem Humanismus, eine im 14. Jahrhundert begonnene geistige Bewegung, die auf Bildung und Gelehrsamkeit Bezug nahm. Das Verständnis des Humanismus, eine der Grundlage des reformatorischen Denkens, nämlich die pädagogische Grundhaltung, dass  die Bildung nicht unter dem Gesichtspunkt ihrer praktischen (materiellen) Verwertbarkeit beurteilt werden darf, sondern dass sie ein Selbstzweck unabhängig von Nützlichkeitserwägungen ist, sollte wir Linke auch so sehen.

Zum zweiten konnte die Reformation ihre Reichweite nur durch die Erfindung des Buchdrucks erreichen – ein Umstand, der für eine Ausweitung von Schrift und damit Bildung wesentlich war. Der breitere Zugang zu gedruckten Informationen kam damals einer Revolution gleich und ist im Kern anti-elitär – ein zutiefst linkes Anliegen.

Zum dritten gab es in der vor-reformatorischen Zeit etliche Missstände innerhalb der Kirche. Einer der zentralen (neben anti-klerikalen Bewegungen, Vertrauensverlust gegenüber der Institution Papst aufgrund des Abendländischen Schismas, Verweltlichung des Klerus) Missstände war die so genannte „Fiskalisierung“ der Religion. Unter anderem aufgrund der Pest-Epidemien im Mittelalter waren die Menschen um das 15. Jahrhundert herum auf der Suche nach Heil im Jenseits. Daher blühten zu der Zeit Aktivitäten wie Prozessionen, Wallfahrten, Seelenmessen und Ablässe. Schon John Wyclif und Jan Hus hatten dies kritisiert und auch Luther griff den Ablasshandel (Freikauf von Sünden) in zweierlei Hinsicht auf.

Konkret widersprach er dem Erzbischof von Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, in seinem Anliegen, den Petersablass im Erzbistum Magdeburg (eine besondere Abgabe für den Bau des Petersdoms) einzusammeln. Schon hier zeigt sich, wie direkt Magdeburg in die Geschichte der Reformation eingebunden ist. Aber Luther übte auch abstrakt Kritik am Ablass. Fußte das Gerechtigkeits-Verständnis bisher auf dem Grundsatz „Jedem das Seine“ und machte damit Gerechtigkeit und Zugang zu Seelenheil von der Finanzkraft und dem Stand der jeweiligen Person abhängig, vertrat Luther ein zutiefst egalitäres Verständnis. Seiner Auffassung nach war einzig allein der Glaube an Gott verantwortlich für ein gerechtes Leben und für ein Heil im Jenseits. Das konnte jede/r erreichen, ob arm oder reich. Ein solches Verständnis – dass nämlich materielle Voraussetzungen nicht ausschlaggebend sein dürfen für Gerechtigkeit oder die Entwicklung eines Menschen – ist ebenfalls ein zutiefst linkes Anliegen.

 

Doch nicht nur einige Wurzeln der Reformation sind nach einem linken Verständnis durchaus begrüßenswert. Auch einige zentrale Punkte der Reformation selbst können für DIE LINKE maßgeblich sein. Luther hat drei Hauptwerke geschrieben, in denen er seine Gedanken veröffentlicht. Das eher akademische Werk De captivitate Babylonica ecclesiae (Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche) kritisiert die katholischen Sakramente und beschränkt sie auf drei (Taufe, Abendmahl, Buße). In Von der Freiheit eines Christenmenschen thematisiert Luther die evangelische Freiheit und entwirft eine zweigeteilte Welt mit der weltlichen Sphäre auf der einen und der religiösen Sphäre auf der anderen Seite. Entscheidend aber ist die Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, in der Luther geradezu ein sozial-politisches Reformprogramm entwirft. Er fordert nicht nur die Abschaffung von Zölibat, Kirchenstaat und der Hierarchie zwischen Klerikern und Laien (auch alles linke religionspolitische Forderungen), er will zudem die Errichtung eines staatlichen Bildungswesens und einer institutionellen Armenfürsorge. Für das 16. Jahrhundert klingt das ziemlich fortschrittlich und auch nach heutigem Verständnis sind das Forderungen, die eine LINKE nur teilen kann.

Nicht zuletzt mit seinem „Werk“ der Bibelübersetzung ins deutsche hat Luther wieder einen höchst egalitären Prozess angestoßen. Des Lesens Kundige konnten nun selbst in der heiligen Schrift nachlesen, sie konnten auf Augenhöhe mit der Kirche reden und (nachdem auch in die Gottesdienste zunehmend deutsch einzog) sie konnten die Praxis in der Kirche mit der Bibel direkt vergleichen. Die heilige Schrift war nicht mehr in dem Maß für ausschließlich Eingeweihte – freier und gleicher Informationszugang ist dabei ein linkes Thema.

 

Nicht vergessen werden dürfen auch einige Auswirkungen der Reformation. Der eher radikale Flügel um Thomas Müntzer begnügte sich nicht mit kirchlichen Reformen, er wollte politische und soziale Umwälzungen. Diese Bewegung ist mit Ursache für die Bauernkriege. In der Schweiz führte die Reformation mit der Täuferbewegung zur einer Demokratisierung von Kirche und zu Forderungen nach Trennung von Staat und Kirche und nach Religionsfreiheit. Insgesamt führte die Reformation aufgrund der großen auch politischen Blöcke innerhalb Europas zur einem Mindestmaß an Toleranz und war letztlich ein wichtiger Wegbereiter für die Aufklärung (die größere Freiheit des Individuums als Grundlage). Die hinter der Reformation liegenden Grundgedanken führten eineseits zu einer kontinuierlichen Trennung von Staat und Kirche (Lehre der zwei Welten) und andererseits zu einer größeren Orientierung auf Bildung und somit zur Förderung von Universitäten, Forschung, Alphabetisierung etc.

Ein Wort noch: ja, Luther war ohne Frage ein Judenhasser, etliche Schriften belegen das. Das ist widerlich und falsch. Er vertritt damit den damaligen Zeitgeist (so bedauerlich das natürlich ist). Er war zudem kein Antisemit, weil er seine Ablehnung der Juden nicht auf eine „Rasse“ bezieht sondern auf die Religionszugehörigkeit. Beides soll keine Entschuldigung sein, es ist eine Feststellung. Auch eine LINKE muss judenfeindlichen Bezügen auf Luther heute entschieden entgegen treten – aber mit diesem Verweis seine eigentlichen Werke schmälern ist zu kurz gegriffen.

 

Es wäre vermessen, die Reformation als linkes Projekt zu bezeichnen – aber viele linke Ideale finden sich in den Ursprüngen und Wirkungen der Reformation. Daher ist es durchaus angemessen, dass sich DIE LINKE auf dieses Ereignis positiv bezieht und es ist – erst Recht für Magdeburg – angemessen, wenn eine Stadt dieses Jubiläum und das Umfeld mit dem Kirchentag unterstützt.

 

 

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