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Kunst muss nichts – Kunst darf alles

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Unser Grundgesetz ist bezüglich der Unabhängigkeit von Kunst und Kultur sehr eindeutig: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ heißt es dort sehr klar in Artikel 5 Absatz 3. Schon an verschiedenen Stellen hat die AfD gezeigt, dass ihr die Grundwerte des Grundgesetzes herzlich egal sind – nun hat sie es wiederholt für die Kunst unterstrichen. Wenn es nach der AfD geht, soll Theater „zu einem volkspädagogischen Anspruch zurückfinden“ und der „Nationalbildung“ dienen. Diese Forderung ist genauso wenig überraschend wie sie sinnvoll ist. 

Wenig überraschend, weil bereits im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt ziemlich deutlich formuliert ist, wohin die Reise gehen soll: „Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Auch im Landtag Sachsen-Anhalt wurde an verschiedenen Stellen durch AfD-Abgeordnete (beispielhaft Herr Backhaus) diese Position vertreten – Kern: das Theater muss wieder deutsch werden. Ausgangspunkt dabei war u.a. ein Tanztheaterprojekt „Das Fremde so nah“ von deutschen und syrischen Jugendlichen. Auch in Potsdam hat sich die örtliche AfD über ein Stück zum Thema Flucht aufgeregt.

 

Nun ist die Forderung nach mehr nationaler Identität auf den Bühnen des Landes in mehrfacher Hinsicht grober Unfug. Erstens sind (siehe oben) Kultur und Kunst in Deutschland frei, also dürfen ohne Beeinflussung oder Vorschriften agieren (von den Grenzen, die Artikel 5 GG selbst setzt einmal abgesehen). Zweitens schreibt auch die Landesverfassung unseres Landes in Artikel 36 vor, dass Kunst und Kultur zu schützen und zu fördern sind – und zwar ohne inhaltliche Vorgaben. Schon rechtlich begibt sich die AfD hier auf sehr dünnes Eis. Darüber hinaus will das Land entsprechend der Richtlinie zur Kulturförderung ausdrücklich kulturelle Vielfalt und internationalen Kulturaustausch fördern und unterstützt gerade in der darstellenden Kunst explizit „Theaterprojekte freier Gruppen in den verschiedensten Formaten und künstlerischen Ausdrucksformen, die die Vielfalt des vorhandenen Theaterangebotes deutlich bereichern“ sowie internationale Theatertreffen.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es beim Propagandaministerium unter Goebbels eine Reichskulturkammer, zu der auch eine Reichstheaterkammer gehörte und die im ganzen Reich für die Gleichschaltung der Kultur zuständig war. Zusätzlich gab es seit dem 1. Januar 1934 einen Reichsdramaturg, der den Theatern bei der „Anwendung der nationalsozialistischen kulturellen Grundsätze in der deutschen Theaterwelt“ unterstützend zur Seite stand. Vom Propagandaminister ermächtigt, sollte er „Auskunft über die Unbedenklichkeit von Bühnenwerken“ erteilten (siehe Erlass der Reichstheaterkammer vom 21.9.1933). Offenbar schwebt der AfD eine ähnliche Bescheinigung von „unbedenklichen“ Stücken vor, um die von ihr kritisierten „linksliberalen Vielfaltsideologien“ zu bekämpfen.

 

Und selbst wenn man sich auf eine Debatte einließe, was denn klassische deutsche Stücke wären und mit welcher Inszenierung eine Identifikation mit unserem Land zuregen wäre, blieben da viele Fragezeichen. Natürlich spielen die Theater in Sachsen-Anhalt auch Goethe, Schiller oder Kleist – aber trägt „Maria Stuart“ zu einer deutschen Identifikation bei? Ist Lessings „Nathan der Weise“ ein Stück mit „volkspädagogischen Anspruch“ im Sinne der AfD? Wie langweilig wären denn Spielpläne ohne Shakespeare, Moliere, Gorki oder Verdi? Und wie vielfältiger wären die Spielpläne, wenn im Sinne einer deutschen Identifikation noch ganz andere Dramaturgen gespielt würden? Mehr Kurt Weill, mehr Friedrich Wolf, mehr Erich Mühsam, mehr Carl Zuckmayer, mehr Berhold Brecht in den Theatern! Allesamt übrigens verbotene Autoren während der NS-Zeit, aber gerade deshalb wichtig für unser Land.

 

Eine Theaterlandschaft im Sinne der AfD wäre nicht nur gähnend öde, sie wäre kein Teil von Kultur mehr. Kultur – auch am Theater – bedeutet Vielfalt, sucht Auseinandersetzung, greift aktuelle gesellschaftliche Themen auf, muss sparten-, genres- und länderübergreifend sein. Vor allem aber muss Kultur frei von Gängelung in der Lage sein, Inhalte selbst zu bestimmen. Das will die AfD nicht im Bereich Kultur, das will sie auch in anderen Bereichen des Lebens nicht. Das, was sie im Kern anstrebt ist ein Land der Unkultur und der Unfreiheit. Dann doch lieber mehr „Regenbogen-Willkommens-Trallala“ (zitiert nach Deutschlandfunk, „Bloß keine streitbare Theaterlandschaft“ vom 18.12.2016).

 

 

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