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BAFöG

Studierst du schon oder musst du noch dazuverdienen?

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Die soziale Selektivität des Bildungssystems in Deutschland setzt sich auch im Studium fort. Der Anteil von Studierenden aus Nicht-Akademiker-Familien ist seit Jahrzehnten signifikant niedriger als aus Akademiker-Familien. Unter anderem um das zu ändern wurde das BAFöG eingeführt. Seitdem berichtet die Bundesregierung regelmäßig über die Entwicklung dieser Ausbildungsförderung. Allerdings ist dieser nicht immer pünktlich und nicht immer sonderlich aussagekräftig – darum hat die DGB-Jugend gemeinsam mit anderen einen Alternativen BAFöG-Bericht vorgelegt.

In mehrfacher Hinsicht ist dieser Bericht erschreckend. Während z.B. die Zahl der Studierenden in den vergangenen 10 Jahren (von 2005 bis 2015) von 1,9 Mio. auf inzwischen über 2,7 Mio. gestiegen ist, stagniert die Zahl der durch BAFöG Geförderten bei etwa 480.000. In Brandenburg sank die Zahl der Geförderten seit 2009 sogar um 30%. Das könnte bedeuten, dass immer weniger auf finanzielle Unterstützung während des Studiums angewiesen sind – auch wenn die letzte Sozialerhebung des Studentenwerks eher das Gegenteil belegt. Also muss es mit den Kriterien zu tun haben, nach denen man anspruchsberechtigt ist. Und die haben ganz offensichtlich nicht mit den Erfordernissen Schritt gehalten. Ein weiteres Indiz: seit 1979 (!) sind die Bedarfsätze für das BAFöG weniger gestiegen als der Verbraucherindex – 2016 lag der Rückstand noch bei über 6%.

Nachdenklich stimmt auch der Befund des Alternativen Berichtes zur Verteilung der Geförderten auf die Einkommensgruppen der Eltern. Während der Anteil der Studierenden mit BAFöG aus den Familien mit einem Jahreseinkommen von 30.000 Euro und weniger zwischen 2012 und 2015 gesunken ist, stieg er bei den Studierenden aus Familien mit einem Einkommen ab 50.000 Euro pro Jahr deutlich an. Das, was das BAFöG eigentlich erreichen will, nämlich den Einkommensschwächsten eine Chance geben, kann es offenbar immer weniger erreichen. Diese Erkenntnis wird im Alternativen Bericht dadurch verstärkt, dass ein Drittel der Studienabrecher*innen aus einer „niedrigen“ Bildungsherkunft als Grund finanzielle Probleme angeben – aus der Bildungsherkunft „hoch“ sind es bloß 10%.

Auch andere Grenzen des BAFöG wirken sich zunehmend problematisch aus. Die Altersgrenze, bis zu der man die Förderung beziehen kann, denkt sich nicht mit den realen Bedarfen. Gerade mit dem Bachelor/Master-System passt es schlicht nicht, wenn eine Förderung nur bis 35 Jahre gewährt wird. Nach einer Berufstätigkeit soll also eine Förderung im Master mit 40 nicht möglich sein? Ein lebenslanges Lernen lässt das aktuelle BAFöG nicht zu. Auf der anderen Seite ist es politischer Wille, zunehmend auch Menschen ohne klassische Hochschulzugangsberechtigung zu einem Studium zu bewegen. Diese sind aber z.B. nach einer Ausbildung und einigen Jahren im Beruf älter als klassische Studierende. Auch hier ergibt sich eine Benachteiligung.

 

Obwohl es nun zum Wintersemester 2016/17 eine Erhöhung des BAFöG gab, gleicht diese Erhöhung nicht die vergangenen Jahre ohne Anpassung aus. Allein der Anstieg der Mieten führt zu erheblichen Belastungen bei den Studierenden.

Aus all dem folgt: das BAFöG muss umfassend novelliert werden. Die Linksfraktion im Bundestag hat dazu erst im Herbst 2016 einen umfangreichen Antrag eingereicht. Im Kern muss es bei einer Überarbeitung des BAFöG um folgende Punkte gehen:

  • deutliche Anhebung der Bedarfssätze und Einführung einer Dynamisierung gebunden an die Preisentwicklung
  • Anhebung der Einkommens- und Elternfreibeträge
  • Anpassung der Wohnkostenpauschale an die tatsächlichen Mietkosten
  • Ausweitung der Förderhöchstdauer mit der realen Studiendauer als Orientierungsgröße
  • Einführung einer Regelung zur Förderung von Teilzeitstudierenden
  • Rückkehr zu einer Vollförderung

Wenn das bei der Einführung des BAFöG ausgegebene Ziel, Bildung unabhängig von materiellen Verhältnissen der Herkunftsfamilien zu ermöglichen, noch Bestand hat, braucht es dringend eine Reform – sonst bleibt Deutschland auch im Studium ein Land der sozialen Ungerechtigkeit.

2 Gedanken zu “Studierst du schon oder musst du noch dazuverdienen?

  1. Ich finde es überhaupt nicht ok, dass Studierende jetzt schon so eine hohe Förderung erhalten und auch noch mehr bekommen sollen – während Kinder in der Kita horrende Gebühren zahlen müssen. Hier läuft was schief, sollte es nicht zuerst um Bildung für kleine Kinder gehen?

    • Hallo Herr Andresen,

      ich stimme Ihnen insofern zu, dass mit dem Zugang zu Bildung tatsächlich etwas schief läuft in Deutschland. Darum plädiert DIE LINKE auch dafür, die gesamte Bildung von der Kita bis zur Uni kostenfrei zu gestalten. Das würde genau die Ungerechtigkeit, von der Sie sprechen, verhindern. Wenn man also konsequent ist, muss Kita genauso gebührenfrei sein wie die Uni.
      Aber auch die Unterstützung durch Bafög ist richtig – nach der Schule sind junge Menschen eigentständige Menschen. Viele bekommen noch Geld von den Eltern, viele gehen auch arbeiten – aber gerade sozial schwache Familien können ihre Kinder oft nicht unterstützen. Darum ist das Bafög der richtige Weg, um gerade sozial schwachen Menschen ein Studium und damit einen Aufstieg zu gewähren. Warum das Bafög dazu aber aktuell nicht ausreicht, schreibe ich in meinem Artikel.

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