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„Du kommst hier net rein“ – Bildungstrichter Hochschule

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Seit über 60 Jahren führt das Deutsche Studentenwerk regelmäßige Umfragen unter den Studierenden zu ihrer Lebenssituation durch. Gestern erschien der inzwischen 21. Bericht zur Sozialerhebung. Er zeichnet ein Bild der aktuellen Lage von Studierenden in Deutschland, welches aus linker Sicht erschreckend ist und dringenden Handlungsbedarf aufzeigt.

Die Befragung, an der rund 55.000 Studierende teilnahmen, fand im Sommer 2016 statt. Der daraus erarbeitete Bericht unter Mitwirkung des deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung und des Bundesbildungsministeriums zeichnet in mehrfacher Hinsicht ein düsteres Bild und zeigt auf, dass die Hochschulen in Deutschland immer noch nicht zu einer Bildungsgerechtigkeit beitragen.

Die Sozialerhebung zeigt z.B. sich weiter verfestigende Geschlechterstrukturen. Während knapp ein Drittel der Studenten Ingenieurswissenschaften und ein Viertel Naturwissenschaften studiert, haben sich die Studentinnen für Sprach- und Kulturwissenschaften (25%) und Sozialwissenschaften/Pädagogik (21%) entschieden. Girls Day und alle Fördermaßnahmen, Mädchen für MINT-Fächer zu begeistern schlagen offenbar fehl.

Ebenso scheinen das Studium mit Kind und ein Studium in Teilzeit höchst unanttraktiv. Trotz einiger Bemühungen für familienfreundliche Hochschulen liegt der Anteil von Studierenden mit Kind bei knapp 6%, davon sind auch nur ein Zehntel alleinerziehend, der Großteil hat eine/n erwerbstätigen Partner/in. Genau unerfreulich ist, dass weiterhin nur knapp 3% in Teilzeit studieren und sich dieser Anteil in den vergangenen 4 Jahren nicht verändert hat. Bedenklich dabei ist aber, dass aufgrund ihres Zeitaufwandes fast ein Drittel der Studierenden in einem Vollzeit-Studiengang de-facto als Teilzeitstudierende angesehen werden können – Bedarf gäbe es also durchaus.

Der wohl dramatischste Befund bezieht sich auf die Bildungsherkunft der Studierenden. Kamen 1991 noch 64% der Studierenden aus einem nicht-akademischen Elternhaus (niedrige bzw. mittlere Bildungsherkunft), so waren es 2016 nur noch 48%! Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich der Anteil der Studierenden mit einer „hohen“ Bildungsherkunft von 12 % auf 24%. Diese Entwicklung zeigt sich nochmal deutlicher zwischen den Universitäten und Fachhochschulen: 28% der an einer Uni Immatrikulierten haben eine „hohe“ Bildungsherkunft, an den Fachhochschulen sind es nur 16%. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass in Deutschland viel zu wenig unternommen wird, um die soziale Selektivität des Hochschulsystems abzubauen. Trotz Bafög, trotz Ausweitung des Hochschulzugangs und trotz einer steigenden Abiturquote finden anteilig immer weniger junge Menschen aus nicht-akademischen Haushalten ihren Weg an die Hochschule – die Maßnahmen sind nahezu wirkungslos.

Verstärkt wird diese Erkenntnis noch durch die Aussage, dass sich der Anteil Studierenden, die mit einer beruflichen Qualifikation an die Hochschulen kommen (1%),  nicht erhöht hat. Außerdem sinkt seit 1994 die Zahl der Studierenden, die vor dem Studium eine Berufsausbildung absolviert haben, kontinuierlich. Da gerade die Studierende mit abgeschlossener Berufsausbildung aber zu zwei Dritteln aus einem nicht-akademischen Bildungshintergrund kommen, sollte der abnehmende Anteil dieser Studierenden nachdenklich stimmen.

Die abgefragte Situation der Studienfinanzierung bestätigt die problematische Lage. Zwar haben die Studierenden rund 100 Euro mehr pro Monat zur Verfügung als noch vor vier Jahren. Aber dafür sind die Ausgaben für Miete, ÖPNV, Krankenversicherung und Medikamente deutlich gestiegen (+15%). Während zwei Drittel der Studierenden mit „hoher“ Bildungsherkunft auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen können, klappt das bei Studierenden mit „niedriger“ Bildungsherkunft nur für ein Drittel. Diente für letztere in der Regel das Bafög als Kompensation, zeigt die aktuelle Befragung allerdings, dass das nicht mehr der Fall zu sein scheint. Gerade bei Studierenden aus „niedriger“ Bildungsherkunft sank der Anteil derjenigen, die Bafög erhalten von 40% auf 27%! Insgesamt erhalten nur noch 18% aller Studierenden Bafög – der schlechteste Wert seit Beginn der 90er Jahre. Auch wenn die Befragung vor der Wirksamkeit der letzten Bafög-Reform stattfand, wird sich die Tendenz auch mit der Reform von 2016 nicht wesentlich verändert haben.

Dazu passt dann auch, dass der Anteil der Studierenden, die parallel zum Studium arbeiten, mit 68% auf einem neuen Höcgstwert liegt. Von den erwerbstätigen Studierenden gibt dann auch über die Hälfte an, für den Lebensunterhalt arbeiten zu müssen (59%).

 

Die 21. Sozialerhebung zeigt sehr deutlich, dass die Politik bei der Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit im Hochschulbereich versagt hat. Der Bildungstrichter Hochschule ist in den vergangenen Jahren noch enger geworden. Wenn der Anteil der Studierenden aus nicht-akademischen Haushalten sinkt, wenn die Bafög-Förderquote bei diesen Studierenden sinkt, wenn immer mehr Studierende arbeiten müssen statt studieren zu können und gleichzeitig die lebensnotwendigen Kosten steigen – dann sind das eindeutige Zeichen dafür, dass Politik handeln muss. Geradezu beschämend ist es dann, wenn die Bundesbildungsministerin Wanka zu dieser dramatisch verschlechterten soziale Lage in ihrer Pressemitteilung zum Bericht kein Wort sagt und von mehr Praxisorientierung im Studium spricht.

 

Was muss passieren? Der Verband fzs als freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften hat vier Forderungen gestellt, die schon einiges verbessern würden.

Die LINKE hat schon mehrfach Änderungsvorschläge zum Bafög gemacht. Klar ist: die Förderung von Studierenden muss erheblich ausgeweitet werden – sowohl in der Höhe als auch in der Reichweite. Zudem braucht es endlich konsequente und gezielte Maßnahmen für ein Teilzeitstudium und für Familienfreundlichkeit. Außerdem muss die Betreuung und Beratung von Studierenden verbessert werden. Auch ein vom Deutschen Studentenwerk geforderte Hochschulsozialpakt wäre ein geeignetes Instrument, um Hürden vor und im Studium zu reduzieren.

Wir müssen endlich offen darüber reden, welchen erheblich negativen Einfluss das jetzige Hochschulsystem auf die Bildungsgerechtigkeit hat. Wir müssen darüber reden, was wir verbessern können, um allen jungen Menschen unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund erfolgreich einen Studienabschluss zu ermöglichen. Wir müssen die sozialen Türsteher vor der Hochschule beseitigen.

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